Am Donnerstag erschien in der taz ein Artikel, der Fairnopoly als „in der Krise“ bezeichnet hat. Aus unserer Perspektive sieht es nicht ganz so dramatisch aus, deshalb möchten wir nun davon berichten:

Natürlich sind wir in einer intensiven Phase, und vor allem Ende November/Anfang Dezember hat bei uns im Team wirklich eine gewisse Krisenstimmung geherrscht. Da sahen wir uns gleich mehreren Herausforderungen zugleich gegenüber: Die Marktplatzentwicklung lief nicht an wie geplant, unser Budget wurde immer enger und zusätzlich kam ein Brief mit einer Anfechtung unserer Marke ins Haus. Auch hatten wir in den Monaten vorher unter hohem Druck gearbeitet und viele im Team zeigten Zeichen von Erschöpfung.

Über die Entwicklung auf dem Marktplatz haben wir letzte Woche bereits ausführlich berichtet und auch dazu, wie wir das in unsere Strategie und Planung integriert haben. Die Betonung der Verzögerungen bei der Marktplatzentwicklung soll aber nicht herunterspielen, dass er sich in den letzten Monaten auch Dank des vielen konstruktiven Feedbacks sehr ansehnlich weiterentwickelt hat. Insbesondere ist Fairnopoly jetzt nebenbei ein vollwertiger Büchermarktplatz, bei dem man so gut wie alle Bücher findet, den gleichen Preis wie anderswo zahlt und nebenbei noch eine gute Sache unterstützt.

Dass das Budget möglicherweise eng werden würde, ließ sich natürlich schon vorher absehen. Gegenüber der Planungen von Beginn 2013 hat die Entwicklung des Marktplatzes sehr viel länger gedauert und wir hatten die aktive Werbung von neuen Einlagen (die ebenso in der Planung vorgesehen war) zurückgestellt, bis wir wirklich einen Marktplatz vorzeigen konnten.

Wir haben versucht, im September und Oktober bereits intensiv um weitere Einlagen zu werben, um dann im November mit einer weiteren großen Crowdfunding-Kampagne (der aktuellen) die Finanzierung für 2014 sicherzustellen. Leider lief die Einlagenwerbung parallel zu unserer eigentlichen Arbeit auch langsamer als angestrebt, deshalb haben wir uns entschieden, uns auf die Crowdfunding-Kampagne zu fokussieren.


Zur Planbarkeit unseres Budgets:

Hierzu eine Klarstellung, die vielleicht nicht allen bewusst ist: In der Startphase sind die Einlagen in die Genossenschaft die Finanzierungsgrundlage von Fairnopoly. In den von uns veröffentlichten Budgetplanungen sind in allen Szenarien die kontinuierliche Werbung weiterer Einlagen vorgesehen.

Nach der aktualisierten Strategie und Planung rechnen wir erst im letzten Quartal 2014 mit signifikanten Einkünften durch den Marktplatz, erst im Dezember 2014 gehen wir erstmalig von einer Deckung der monatlichen Kosten aus. Eine Finanzierung über Startkapital, ggf. in mehreren Finanzierungsrunden ist bei den meisten Unternehmensgründungen üblich (im Unterschied zu anderen Gründungen in unserem Bereich wie z.B. Zalando versuchen wir aber mit einem Bruchteil des üblichen Startkapitals und ohne große Investoren auszukommen). Der Erfolg bei der Einwerbung von Einlagen ist (wie viele Aspekte unseres Projekts) nur bedingt planbar.

Ein Ansatz, der auf aufwendiger Planung und strikter, voll berechenbarer Durchführung basiert, wäre für dieses komplexe Projekt völlig ungeeignet. Dafür kommen viel zu viele unterschiedliche Dynamiken zusammen (eCommerce, Start-up Phase, soziale Bewegung, Genossenschaft, Open Source, Open Innovation usw.). Deshalb haben wir stets betont, dass alle veröffentlichten Zahlen und Planungen auf Schätzwerten basieren und wir uns vorbehalten, sie bei neuem Kenntnisstand zu aktualisieren.
Unser Ansatz baut auf einem agilen und lernfähigen Team, das auf Herausforderungen in den verschiedenen Dimensionen schnell und kompetent reagieren kann und stets bereit ist, das Beste aus den neuen Informationen zu machen, die während des Prozesses entstehen, sowie aus dem Input und Feedback unserer wachsenden Unterstützerzahl. Eine entscheidende Eigenschaft ist dabei auch die Bereitschaft, durchzuhalten, wenn es mal nicht so läuft wie vorher eingeschätzt.

Diese Strategie ist bisher sehr gut aufgegangen. Wir sind mit nichts gestartet außer einer Idee und dem Grundsatz, auf große Investoren zu verzichten – und haben daraus einen laufenden Online-Marktplatz gebaut, der sich kontinuierlich verbessert.


Notwendige Kündigungen:

Um die Gefahr zu vermeiden, in eine formelle Insolvenz zu rutschen, haben wir Anfang Dezember uns allen im Team (bis auf zwei Personen) zum 1. Januar 2014 gekündigt. Angestellt bleiben nur zwei Teammitgleider, die aus der Arbeitslosigkeit zu uns gekommen sind und für die wir eine Arbeitgeberförderung erhalten. Damit sind unsere Fixkosten auf einen Betrag gesunken, mit dem wir auch bei Eintreffen des Minimalszenarios weitermachen können.

Aus zwei Gründen haben wir die Kündigungen nicht gleich kommuniziert:

Zum einen wollen wir bei unserer Kampagne nicht auf die Mitleidsdrüse drücken: Wir wollen nicht, dass man uns unterstützt, weil man möchte, dass wir uns weiter Gehälter zahlen können. Wir wollen, dass Menschen sich beteiligen, weil sie unsere Vision eines konsequent fairen Unternehmens teilen und unsere Arbeit dafür unterstützen möchten.

Zum anderen haben wir gehofft, die Kündigungen nie umsetzen zu müssen. Hätten wir bis zum 20.1. unsere Fundingschwelle erreicht, hätten wir darauf besicherte Darlehen aufgenommen und die Kündigungen rückgängig gemacht. Schon im Dezember haben wir alle im Team, jede und jeder nach unseren Möglichkeiten, unsere Gehaltszahlungen zurückgestellt.

Allen, die ins Team eingestiegen sind, war von Beginn an klar, dass wir ein Start-up sind, mit dem entsprechenden Risiko. Als wir uns nach Erfolg der ersten Kampagne uns im April 2013 erstmalig angestellt und bezahlt haben, war uns allen klar, dass die Verträge ggf. gekündigt werden müssen, wenn das Budget das erfordert.

Dennoch hat das absehbare Eintreten dieser Situation Anfang November und im Dezember für viele im Team eine starke Belastung dargestellt und Ängste ausgelöst. Wir hatten in dieser schwierigen Phase mehrere lange Teamsitzungen, in denen wir über Ängste und mögliche Szenarien gesprochen haben.


Vier Teammitglieder ausgestiegen:

Insgesamt vier bisher festangestellte Teammitglieder sind zum 1. Januar 2014 bzw. zum Ende der Kampagne ausgestiegen. Drei davon gehören zu denen, die als erste Vollzeit mit eingestiegen sind, über ein halbes Jahr lang Vollzeit unbezahlt für Fairnopoly gearbeitet haben und auch bei der ersten Kampagne dabei waren, bei der die Zeit davor noch schwieriger war.
Alle vier haben enorme Beiträge zu Fairnopolys Voranschreiten geleistet und alle vier sind im Positiven gegangen. Dass sie nun ausgestiegen sind, ist sehr schade. Aber es ist auch gut, dass sie die Konsequenzen gezogen haben, als sie merkten, dass es für sie nicht mehr passt. Wie bei allen Projekten, die sich stark von intrinsischer Motivation nähren: Es ist gut, viel von sich zu geben, aber es ist auch gut, eine Grenze zu ziehen, wenn man merkt, dass es zuviel wird.

Im Februar wird es auch mit Fokus auf das nun verstärkt anstehende operative Geschäft eine Neustrukturierung des Teams geben. Inwiefern wir neue Teammitglieder anstellen können, hängt stark vom Ergebnis der Kampagne ab, Details dazu in den Szenarien.


Aktuelle Stimmung:

Wir 12 verbleibenden Teammitglieder sind uns der aktuellen Situation sehr bewusst. Einige haben sich trotz unklarer Bezahlungsaussicht dafür entschieden, andere Optionen auszuschlagen, um sich in dieser wichtigen Phase voll auf Fairnopoly zu konzentrieren. Nach dem Tief Ende November und im Dezember ist die Stimmung nun voll Tatendrang und nach vorne gerichtet, und wenn wir kämpfen müssen, sind wir bereit dazu. Fairnopoly war nie ein Unternehmen, in das man wegen der Bezahlung oder der Aussicht auf großen Reichtum einsteigt. Wir möchten etwas bewegen, und wir freuen uns, dass wir damit nicht alleine sind.


Die Markenfrage:

Als Mitte November der Brief von der internationalen Anwaltskanzlei mit der Anfechtung unserer Marke kam, wirkte das zusätzlich bedrückend auf die Stimmung im Team. Insbesondere fühlten wir uns darin gehemmt, für unsere Kampagne zu kommunizieren, solange wir nicht auch die Situation mit der Marke kommunizieren konnten.

Mittlerweile sieht es auch hier sehr viel besser aus. Wir haben uns mit Hasbro direkt getroffen und arbeiten nun mit ihnen an einer außergerichtlichen Lösung.


Und was macht die Kampagne?

Sicherlich hat sich das Tief in November und Dezember auch auf die Dynamik unserer Kampagne ausgewirkt. Sie ist langsamer gestartet als gehofft, aber – auch Dank des Einsatzes unser Mitglieder bei der Weiterverbreitung – durchaus losgestartet.

Es läuft nun auf einen intensiven Endspurt hinaus. Eine Bandbreite von Maßnahmen sind dafür bereits gestartet, weitere folgen in der kommenden Woche. Unter anderem:

  • Eine deutschlandweite Vortragsreihe in einem Dutzend Städte (inkl. Ankündigung über lokale Netzwerke, Foren und Presse. Wer wissen will wann und wo, findet eine Übersicht unter Events)
  • Breite Ansprache von gewerblichen Händler*innen über unsere „fair zu Händler*innen“ Aktion
  • Ansprache diverser uns positiv gesinnter Netzwerke und Organisationen
  • Massive Ansprache von größeren (Online-)Medien, insbesondere mit einer „konsequent transparent“ Aktion
  • Direktansprache von potentiell interessierten TV-Formaten
  • Diverse Online-Aktionen über Social Media-Kanäle usw.
  • Und nicht zuletzt wie bei jedem guten Crowdfunding: Erneutes Nachhaken bei unseren eigenen Netzwerken mit Hinweis auf den Endspurt

Für den Endspurt arbeiten in den nächsten zwei Wochen neben dutzenden aktiven Held*innen im ganzen Land nun auch noch vier ehrenamtliche Vollzeit-Kampagnen-Helfer*innen mit bei uns im Büro.


Wir wollen weiter voranschreiten

Auch jetzt noch bleibt es unser Ziel bei dieser Kampagne, die 500.000€ zu erreichen. Sie würden uns ermöglichen, 2014 noch schneller und mit mehr Gelassenheit voranzukommen. Natürlich ist es alles anderes als sicher, ob wir das schaffen, und wir werden auch feiern, wenn wir das Mindestziel von 125.000€ erreichen. Denn das Wichtigste hat uns die Kampagne schon jetzt wieder gezeigt: Es gibt auch jetzt wieder viele Menschen in diesem Land (und darüber hinaus), die dieses Projekt wollen und bereit sind, uns zu unterstützen.

Und auch wenn wir das Mindestziel nicht erreichen, wir werden weitermachen. Natürlich gibt es auch dafür einen Plan C, doch der wird erst ausgepackt, wenn es wirklich soweit kommt. Jetzt wollen wir mit aller Energie für diese Kampagne arbeiten und so viel Unterstützung mobilisieren, wie es eben geht.

Egal wie es ausgeht, uns war und uns ist weiterhin klar, dass wir uns ein riesiges Projekt vorgenommen haben. Selbst wenn wir 500.000 Euro oder mehr erreichen, heißt das selbstverständlich nicht, dass wir uns tatenlos zurücklehnen können.

Denn unser Ziel ist nicht weniger als die Wirtschaft umzudrehen: Mit Fairnopoly ein Modell und Vorbild zu schaffen und gemeinsam mit vielen anderen strukturellen Wandel zu bringen. Zu zeigen, dass es möglich ist, ein wirklich konsequent faires Unternehmen aufzubauen, das uns Menschen selbst gehört, für das Fairness nicht bloß aus schönen Versprechungen besteht, sondern demokratisch kontrolliert werden kann, das dabei ohne große Investoren auskommt und das es dennoch schafft, den ganz großen Konzernen ihre Marktanteile streitig zu machen.

Von Anfang an war klar: Dieses Ziel können wir nur gemeinsam mit vielen Menschen erreichen. Seit über zwei Jahren bewegt sich das Projekt voran, über die Zeit haben mehr als dreißig Menschen – teils bezahlt, teils unbezahlt – dafür gearbeitet, hunderte haben uns ehrenamtlich in ihrer Freizeit unterstützt und über tausend sind bereits in die Genossenschaft mit eingestiegen. Wir lassen uns sicher nicht von einigen schwereren Wochen oder Monaten aufhalten. Wir werden weiter gehen, komme was will.

Es ist klar, dass auf dem Weg auch noch weitere Höhen und auch Tiefen kommen werden. Gerade jetzt stellt sich wieder die große Frage: sind jetzt, in den nächsten zwei Wochen, weitere Menschen bereit, uns auf diesem nicht einfachen Weg zu begleiten?

Und natürlich kann man weiterhin skeptisch oder auch hämisch am Wegrand stehen. Wir freuen uns weiterhin über Kritik, sie hat uns in der Vergangenheit schon häufig vorangebracht. Auch Häme ist ok, es ist nicht leicht, in dieser Welt nicht zynisch zu werden.

Doch in den nächsten zwei Wochen interessiert uns vor allem: Wer ist mit dabei, wer legt ein, wer ist bereit mit uns zu gehen? Wer hilft uns, die Botschaft durchs Land zu tragen?

Darum auch hier nochmal: Ihr alle seid herzlich eingeladen, mit bei uns einzusteigen – http://info.fairnopoly.de/anteile-zeichnen/