Keine Kleidung, keine Möbel, keine Elektronik – das Projekt Ein Jahr ohne Zeug fordert Menschen dazu heraus, ein Jahr lang keine Gebrauchsgüter zu kaufen. Weder neu, noch gebraucht. Angestoßen wurde die Initiative durch die Berliner Agentur good:matters, im Interview erzählen uns die beiden Gründer*innen Christiane und Ben von ihrem Alltag ohne Zeug.

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Wer seid Ihr und wie ist Ein Jahr ohne Zeug entstanden?
Wir sind eine kleine Berliner Agentur, die Analyse-, Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit leistet und das ausschließlich für Projekte und Organisationen, die auf die Verwirklichung der Menschenrechte, das Schaffen sozialer Gerechtigkeit und/oder die Wiederherstellung einer sauberen Umwelt abzielen. Neben Auftragsarbeiten wollten wir aber auch eigene Initiativen umsetzten. Die Idee zu „Ein Jahr ohne Zeug“ entwickelte sich aus dem Gefühl einer zunehmenden Überforderung und Ohnmacht angesichts der vielen negativen Konsequenzen des komplexen, globalisierten Wirtschaftssystems. Wir traten einen Schritt zurück und kauften im Jahr 2013 erst einmal (fast) nichts mehr. Die Idee an sich und die Gründe dahinter stießen auf großes Interesse in unserem Bekanntenkreis, dass wir beschlossen, den Stein in einem größeren sozialen Kontext ins Rollen zu bringen. Und der Spaß am Suchen, Finden, Selbermachen und kreativen Problemlösungen hat auch seinen Teil dazu beigetragen.

Was möchtet Ihr mit dem Projekt erreichen?
Mehr darüber nachzudenken, ob man etwas wirklich braucht und auch andere Menschen dazu zu bewegen. Das Jahr dient nur zu einem kleinen Teil dem Selbstzweck, in erster Linie möchten wir für die vielen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Probleme, die mit unserem Konsum zusammenhängen, sensibilisieren.

Wie geht es Euch nach 8 Monaten ohne Zeug?
Sehr gut. Und wir haben im Prozess sehr sehr viel gelernt.

Gibt es etwas, das Ihr vermisst?
Nein, aber wir sind heilfroh, dass es Musik in digitaler Form und live gibt.

Hattet Ihr anfängliche „Entzugserscheinungen“?
Nein, gar nicht. Anfangs ist es manchmal schwierig Alternativen zu finden – wenn man denn entschieden hat, dass man etwas wirklich braucht. Es ist natürlich sehr viel leichter in den Laden zu gehen und zum Beispiel ein Last-Minute-Geschenk zu kaufen, als wirklich Gedanken und vor allem Zeit zu investieren.

Habt Ihr mal aus Versehen etwas „Unerlaubtes“ gekauft ?
Nein. Richtig nervig ist aber, dass man bei so vielen Verbrauchsgütern (Essen, Hygieneartikel, etc.), die ja nach Rationale des Spiels „erlaubt“ sind, „aus Versehen“ fast immer Zeug mitkauft – die Plastikverpackung nämlich. Der Versuch dies komplett zu vermeiden ist ungleich schwieriger.

Habt Ihr schon einen Joker eingesetzt und wenn ja, wofür?
Ich (Christiane) habe letztes Jahr eine Kette verloren, die ein Geschenk meiner Freundin war. Die habe ich dann „heimlich“ nachgekauft. Zum einen weil es mein einziges Schmuckstück ist, zum anderen weil ich mir nicht die Blöße geben wollte. Danach habe ich sie allerdings wiedergefunden. Dieses Jahr habe ich noch keinen Joker einsetzt. Bei Ben gab es eine ganz ähnliche Situation: er hatte versehentlich eine Tasse kaputt gemacht, an der seine Freundin sehr hing, die hat er dann ersetzt. Außerdem brauchte er dringend Unterwäsche.

Wie geht Ihr mit „Grauzonen“-Gegenständen um?
Viele Konsumgüter wie Glühbirnen, Nähfaden oder Ersatzteile befinden sich in einer Grauzone. In solchen Fällen wollen wir uns weniger auf präzise Definitionen konzentrieren, sondern von Fall zu Fall abwägen, ob wir den Gegenstand wirklich brauchen und ob es nachhaltigere Beschaffungsmöglichkeiten gibt. Oft lassen sich Alternativen wie Stoff-, Garn- oder Farbreste oder auch Kabel aus obsoleten Geräten etc. finden.

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Was war bisher die kreativste Idee, an einen Gegenstand zu kommen?
Mit Fragen kommt man meistens sehr weit, und auch am Berliner Straßenrand findet man so einiges. Generell setzt die Kreativität jedoch eher ein, wenn man etwas hat, was schon okay ist, aber nicht 100% das, was man braucht. Dann wird abgeschnitten, umgenäht,  neu gefärbt, auseinandergenommen, anders zusammengesetzt, abgeschliffen und angemalt.

Eure Lieblings-Institution zum leihen, tauschen oder upcyceln?
Unsere Lieblingsinstitution sind sicher unsere Freundeskreise, wo viel verliehen, getauscht, geteilt, gelehrt und gelernt wird. Daneben sind wir seit kurzen Mitglied im Leila Berlin, einem Leihladen, den wir sicher noch oft nutzen werden. Christiane ist außerdem großer Fan des reflect!-E-Mail-Verteilers, der voller toller, hilfsbereiter Menschen ist.

Das schönste Feedback bisher?
Wenn Menschen sagen, dass ihr Jahr ohne Zeug zu vielen spannenden Gesprächen geführt hat. Genau das ist ja die Intention: Die Diskussion anfeuern.

Könntet Ihr Euch vorstellen, auch nach Ende des Jahres komplett auf „Zeug“ zu verzichten?
Wir sind ja ohnehin schon länger als ein Jahr dabei, möglich ist es also definitiv. Und zu großen Shoppern werden wir wahrscheinlich nicht mehr. Dennoch wird irgendwann sicher die Zeit kommen, wo Zeug einfach fällig wird. Dabei werden wir aber darauf achten, dass es so nachhaltig wie nur möglich ist, also am besten gebraucht gekauft wird und sozial und ökologisch gerecht produziert wurde.

Was möchtet Ihr den Leser*innen mit auf den Weg geben?
Macht mit! Es gibt viele gute Gründe! Und Einsteigen ist natürlich immer möglich.

Regelmäßige Updates und Neuigkeiten zum Thema gibt es auf der facebook-Seite von good:matters.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die ausführlichen Antworten und wünschen dem Projekt weiterhin viel Erfolg! Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass es auf dem Fairmondo-Marktplatz jetzt eine zu verschenken Kategorie gibt und Ihr Eure Sachen auch zum Tauschen und Verleihen einstellen könnt.