An dieser Stelle möchte ich meine persönliche Einschätzung dazu teilen, wie es bei Fairmondo weitergehen kann. In fast gleichem Wortlaut hatte ich dies in der letzten Woche bereits per E-Mail an die Mitglieder unserer Genossenschaft geschrieben.


Es gibt täglich frische Infos zum aktuellen Stand der Unterstützung

Wer nicht die Zeit hat, diesen Blogbeitrag ganz zu lesen, kann gerne runter springen zu „Zwei Optionen“.


Als ich vor drei Jahren den ersten Businessplan für das Projekt schrieb, hatte ich völlig unterschätzt, wie viel Zeit und Aufwand es kostet, eine marktfähige Marktplatz-Software zu entwickeln. Zum Glück, denke ich aus heutiger Sicht, denn sonst hätte ich das Projekt nie in dieser Form gestartet. Das wäre sehr, sehr schade, denn mittlerweile gibt es einen Haufen Fakten, die dafür sprechen, dass wir gar nicht mehr so weit vom Erfolg entfernt sind. Und ein Erfolg wäre bahnbrechend in vieler Hinsicht.

Die Vision war und ist, mit Hilfe des Einsatzes vieler Menschen einen Marktplatz zu schaffen, der mit den Marktriesen mithalten kann – und dennoch ohne große Investoren auskommt. Damit werden wir nicht nur den gesellschaftsschädlichen Entwicklungspfad im Online-Handel aufbrechen. Wir schaffen damit zugleich ein Modell das zeigt, dass auch in dynamischen Branchen größere Unternehmen ernsthaft im Sinne der Gesellschaft gestaltet werden können.

Mittlerweile sind über 700.000 Euro und unzählige Stunden unbezahlter oder unterbezahlter Arbeit in dieses Projekt geflossen. Viele Menschen haben Geld, Zeit und Energie investiert. Damit ist auch ein signifikantes Gewicht an Verantwortung entstanden.

 

Die aktuelle Situation lässt sich in meinen Augen relativ einfach zusammenfassen:

  • Mit wem wir auch sprechen, überall wird deutlich, die Menschen in Deutschland (und darüber hinaus) wollen eine ernsthafte Alternative zu Amazon&Co. Allerdings muss es eine wirkliche Alternative sein, d.h. ein Produkt von vergleichbarer Qualität und Angebotsvielfalt.
  • Dank des enormen Einsatzes haben wir eine eigene Marktplatz-Software geschaffen, die bereits einige wichtige Eigenschaften mitbringt. Insbesondere kann sie mittlerweile mit großen Produkt- und Datenmengen umgehen und läuft dabei flüssig und stabil (der Nachteil der bisher existierenden Open-Source-Lösungen ist, dass sie auf „kleine“ Shops und Marktplätze ausgelegt sind). Es ist noch immer einiges zu tun, aber wir sind auf gutem Wege, eine Plattform zu entwickeln, mit der es möglich wird, den Marktriesen ernsthaft die Stirn zu bieten.
  • Aus Käufersicht fehlt dem Marktplatz noch das umfassende Angebot, das man von den Marktriesen gewohnt ist, sowie eine vergleichbare Käufer-Sicherheit und komfortable Zahlungsabwicklung.
  • Sehr viele gewerbliche Händler haben ihre Bereitschaft signalisiert, den Marktplatz mit Produkten zu füllen – sofern wir ihnen die entsprechenden Funktionen bieten, dies auch komfortabel und ohne größere Kosten/Aufwand zu tun. Über 1100 haben sogar den Aufwand auf sich genommen, sich bereits zu registrieren und Produkte hochzuladen, obwohl die gewohnten Funktionen noch fehlen.
  • Diese Funktionen bereitzustellen, ist durchaus machbar, es kostet aber einen Entwicklungsaufwand, für den wir mit unserer aktuellen Aufstellung sehr lange brauchen werden.
  • Auch für die Sicherheit und Zahlungsabwicklung haben wir bereits eine gute Lösung in Aussicht, der Aufwand sie zu integrieren, liegt bei ca. 2 Entwicklermonaten.
  • Das Team, das wir momentan bezahlen, reicht gerade für die Aufrechterhaltung des Marktplatzes.
  • Praktisch alle Weiterentwicklung wird aktuell von Ehrenamtlichen getragen. Gerade was die technische Entwicklung angeht, ist für größere Schritte aber ein bezahltes Team nötig.
  • Die Zahl der Menschen, die sich auch ohne Bezahlung aktiv für das Projekt einsetzen, wächst kontinuierlich. Mittlerweile über 40 Botschafter*innen helfen bei der Verbreitung der Idee und des Modells. Sie alle stellen bei ihren Vorträgen regelmäßig fest: Die Idee ist attraktiv für viele Menschen.
  • Das RundeSacheAbo ist angelaufen, im März wurden 350 Pakete verschickt (60 davon per Lastenrad in Berlin). Die Buchung von regelmäßigen Abos steigt, muss allerdings noch stärker beworben werden. Bereits jetzt sind die Umsätze der Fairmondo eG dadurch stark gestiegen. Bei den Abos bleibt je nachdem eine Marge für Fairmondo von 15-20%, d.h. es ist noch einiges zu tun, um darüber die Tragfähigkeit zu erreichen. Es wächst auch die Zahl der interessierten lokalen Partner. In den kommenden Wochen wird das Prämienprogramm starten, mit dem wir die systematische Verbreitung angehen wollen.
  • Es gibt konkretes Interesse von Gruppen im Ausland, Fairmondo als Modell, Marke und Technologie zu übernehmen. In anderen Ländern kann der Start sehr viel leichter gelingen, da wir hier in Deutschland bereits den Löwenanteil der Entwicklungsleistung gestemmt haben. Allerdings sind auch für eine internationale Weitergabe die erwähnten Weiterentwicklungen der Software nötig. Auf jeden Fall gibt es auch international ein breites Interesse an einer ausgereiften Open Source Marktplatz-Lösung, die das Potential hat, auch andere Funktionen (wie z.B. soziales Netzwerk) zu integrieren.

 

Aus meiner Sicht ist die notwendige strategische Ausrichtung klar:

  • Unser Projekt braucht eine Anschubfinanzierung, die der Größe der Zielsetzung angemessen ist. Wir haben sie noch nicht zusammen, deshalb müssen wir weiter daran arbeiten.
  • Anschubfinanzierung sammeln heißt bei uns: Vergrößerung der Genossenschaft, und damit auch Stärkung unserer Community.
  • Von Anfang an sah der Geschäftsplan vor, dass wir kontinuierlich weiteres Kapital sammeln (also eine kontinuierliche Vergrößerung der Genossenschaft). Er sah allerdings auch vor, dass wir sehr viel schneller ein vermarktbares Produkt entwickeln, mit dem wir ernsthafte Umsätze machen. Letzteres zieht sich wie gesagt sehr viel länger hin, als ursprünglich eingeschätzt. Und der ausbleibende wirtschaftliche Erfolg wirkt sich erwartbar negativ auf die Mitgliederwerbung aus.
  • Solange der Marktplatz noch kein umfangreiches Angebot bietet und noch nicht ausreichend komfortabel für Händler ist, um dieses Angebot zu erreichen, brauchen wir keine große Werbung für den Marktplatz zu machen. (Eine Ausnahme ist die Büchersparte, allerdings wieder ein hart umkämpfter Markt, auf dem es bereits viele alternative Anbieter gibt).
  • Der Versuch, im letzten Quartal 2014 dennoch Marketing zu machen, hatte aus meiner Sicht genau einen strategischen Zweck: Die Tragfähigkeit zu erreichen und dadurch Vertrauen zu schaffen, damit wir einfacher weiteres Startkapital sammeln können, um das Projekt ernsthaft weiter voranzutreiben.
  • Da uns das mit dem Marktplatz nicht gelungen ist, haben wir nun das Abo-Programm gestartet. Mit diesem ergänzenden Geschäftsmodell kann die Tragfähigkeit sehr viel schneller erreicht werden, da wir dabei nicht von der Marktplatz-Software abhängig sind, die einfach noch ihre Zeit braucht. Zugleich können wir dafür die Community und Händlerbeziehungen nutzen, die wir in den letzten drei Jahren aufgebaut haben.
  • Trotz des relativ erfolgreichen Schnellstarts braucht auch das Abo-Programm eine angemessene Anlaufzeit. Insbesondere müssen wir den Atem dafür haben, um Abo-Boxen zu gestalten, die bestehenden Bedürfnissen unserer Community und darüber hinaus entgegen kommen.
  • Das Potential unseres Projekts ist weiterhin enorm. Die letzten drei Jahre haben immer wieder gezeigt, wie breit und vielfältig das Interesse daran ist. Entscheidend bleibt, dass wir die Durchhaltekraft haben, es bis in einen wirklich ausgereiften Zustand zu entwickeln.

 

Zwei Optionen:
 

Aus meiner Sicht gibt es jetzt im Grunde zwei mögliche Wege, die wir einschlagen können

1. Die Fairmondo eG kurzfristig mit minimalem, regelmäßigen Kapital ausstatten

Wir brauchen keine Unsummen. Aber es ist dem Team nicht länger zuzumuten, dass wir uns von Monat zu Monat hangeln, unter der steten Sorge, die Gehälter nicht zahlen zu können. Seit April decken wir über 80% der Büromiete durch Untervermietung. Aber wir müssen umgehend in eine Situation kommen, in der wir zuverlässig aus sicheren Einnahmen das Basisteam aus einer Vollzeitstelle und drei 450-Euro-Kräften sowie die sonstigen laufenden Rechnungen bezahlen können.

Auch das bisher rein von ehrenamtlichem Einsatz (inklusive unbezahltem Mehreinsatz des bezahlten Teams) getragene Abo-Programm braucht eine kleine Kapitalbasis für Werbung und Auslagen.

Es gibt eine realistische Lösung, das jetzt zu erreichen:

  • Noch im April sollten wir einen „Kapitalpuffer“ von neuen Einlagen in Höhe von mindestens 10.000 Euro zusammenbekommen. Wir möchten niemanden drängen, über das gute Gefühl oder die eigenen Verhältnisse hinaus einzulegen. Auch weisen wir darauf hin, dass auch weiterhin jede Einlage bei Fairmondo eine Risikoinvestition ist, die komplett verloren gehen kann. Aber wer es sich gut leisten kann, kann damit jetzt einen wichtigen Beitrag leisten.
  • Mit dem Instrument des „Faire-Welt-Abos“ ist es möglich, uns monatlich regelmäßig mit 5€ zu unterstützen. Würden das die Hälfte von uns Mitgliedern tun, hätten wir die monatlichen Kosten bereits gedeckt.

 

2. Die Fairmondo eG (vorerst) auf ein rein ehrenamtliches Projekt umstellen

Wenn es nicht gelingt, weiteres Startkapital zu sammeln, müssen wir die Kosten auf ein absolutes Minimum reduzieren. Die Zahl an kompetenten Ehrenamtlichen, die sich 1 Tag pro Woche und mehr für Fairmondo einsetzen, wächst kontinuierlich. Vorübergehend könnte es auf diese Weise weitergehen.

Diese Notlösung ist dennoch möglichst zu vermeiden. Zum einen würde sie bedeuten, dass wir unsere sehr wertvollen Mitarbeiter*innen im Basisteam nicht halten können. Damit ginge uns neben tollen Menschen, die zu sehr moderaten Konditionen arbeiten, auch wichtige Expertise verloren.
Zum anderen würde das Projekt insgesamt weiter gebremst werden. Um die Notwendigkeit einer besseren Kapitalausstattung für die Weiterentwicklung kämen wir auch so nicht herum.

 

Theoretisch gibt es natürlich noch eine dritte Option: Die Fairmondo eG insolvent gehen zu lassen. Aber meiner Ansicht nach ist das aus mehreren Gründen keine Option:

Im Falle einer Insolvenz wäre das gesamte eingelegte Kapital verloren. Auch die Mitgliederdarlehen wären weitgehend verloren. Es wäre ein Scheitern in der Verantwortung gegenüber allen, die das Projekt bisher unterstützt haben.

Das Scheitern hätte eine negative Signalwirkung weit über das Projekt hinaus. Unser Genossenschaft 2.0-Modell, das nichts dafür kann, dass wir uns einen so schwierigen Markt gesucht haben, wäre diskreditiert. Auch für die Genossenschaftsszene hätte es negative Wirkung, wenn das erste Projekt scheitert, das diese Rechtsform öffentlichkeitswirksam mit Crowdfunding kombiniert hat und Pionierarbeit für eine Anwendung des Modells in der Internetwirtschaft leistet.

Vor allem aber würden wir an einer Stelle aufgeben, an der wir gar nicht mehr soweit davon entfernt sind, das große Ziel zu erreichen und eine ernsthafte Alternative zu den Marktriesen im Online-Handel zu schaffen. Dieses Projekt ist zu wichtig und der gesellschaftliche Mehrwert seines Erfolgs wäre viel zu groß, um jetzt aufzugeben.

Für mich persönlich heißt das eindeutig: Ich werde weitermachen. Ab Mai muss ich zwar meine ehrenamtliche Arbeit für die Fairmondo eG auf 2,5 Tage/Woche reduzieren, da ich nicht länger umhin komme, einige Zeit für mein eigenes Einkommen einzusetzen. Aber auch die Lösung, die ich dafür gefunden habe, wird direkt zur Weiterentwicklung des Projekts beitragen.

Für die Fairmondo eG ist das auch eine Chance. Ich werde mich auf die Aufgaben konzentrieren, in denen meine Stärken liegen. Für die operative Geschäftsführung werden wir eine Person suchen, die für diese Aufgabe mehr Leidenschaft hat und die Kompetenz und Erfahrung mitbringt, das enorme Potential dieses Projekts gemeinsam mit dem Rest des Teams erfolgreich zu nutzen.

 

Alle im Team zeigen auch weiterhin enormen Einsatz, um dieses Projekt voranzubringen. Es wäre großartig, wenn auch Ihr im Rahmen Eurer Möglichkeiten an dieser Stelle einen weiteren Beitrag bringen könnt.

 

Bis zum 15.5. brauchen wir

1. 10.000 Euro an neuen Einlagen in die Genossenschaft.

2. 5000 Euro an regelmäßiger Unterstützung durch „Faire-Welt-Abos“ in Höhe von 3€, 5€ oder 10€.

Wenn uns das gelingt, ist die kontinuierliche Weiterentwicklung des Marktplatzes sichergestellt.

Aktuelle Infos zum Stand der Unterstützung gibt es hier

 

Auch wer es sich nicht leisten kann oder möchte, uns finanziell zu unterstützen, kann sich auch aktiv einbringen.

 

Dieses Projekt ist nicht einfach, wäre es das, gäbe es längst eine Alternative zu den Marktriesen im Online-Handel. Ich bin froh, dass wir es bereits soweit geschafft haben und freue mich über alle, die diese Riesenaufgabe gemeinsam mit uns voranbringen.

Mit fairen Grüßen,

Felix