Marina ChahbouneEin Interview über nachhaltige Mode mit Marina Chahboune.

Auf ihrem Infoblog Beyond Fashion berichtet Marina Chahboune rund um das Thema grüne Mode, um möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren und über die vielseitigen Möglichkeiten nachhaltiger Mode zu informieren. Nach einer klassischen Ausbildung zur Maßschneiderin hat Marina Modedesign studiert, wobei ihr Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsansätzen, sowohl im Desing, auch als in den Herstellungsprozessen, lag. Hauptberuflich ist Marina Projektmanagerin Corporate Responsibility bei dem Naturtextilhersteller Hessnatur und seit 2011 zudem noch freiberuflich im Bereich CSR Beratung tätig.

 

Warum sollte man sich mit nachhaltiger Mode auseinander setzen?
Nicht nur Menschen werden durch die konventionelle Textil- und Bekleidungsindustrie ausgebeutet. Im Jahr 2011 veröffentlichte der Sportartikelhersteller Puma eine ökologische Gewinn- und Verlustrechnung, der zufolge Umweltschäden in Höhe von 145 Millionen Euro im Jahr 2010 entlang der gesamten Wertschöpfungskette verursacht wurden. Das bedeutet, der Kaufpreis eines Kleidungsstückes spiegelt in den wenigsten Fällen dessen wahre Herstellungskosten wieder, denn er beinhaltet nicht die damit einhergegangene Umweltbelastung oder den Ressourcenverbrauch. Nachhaltige Mode stellt sich dem Anspruch ökologisch hergestellt zu werden und weitestgehend auf giftige Chemikalien zu verzichten. Hinzu kommt das Einhalten von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, sozialer Verantwortung und fairen Handelsbeziehungen. Nachhaltigkeit zeichnet sich durch einen ganzheitlichen Ansatz aus, der die drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichermaßen behandelt.

Wie kann man sich nachhaltig kleiden?

Informationen über das Angebot an ethisch korrekten Stores und Labels in der eigenen Stadt findet man beispielsweise über den Fair Fashion Finder von GetChanged, in den Grünen Listen auf Kirsten Broddes Blog „Grüne Mode“ oder Webseiten wie Rank a Brand, die eine Beurteilung über die Lieblingsmarke abgeben. Labels, die nachhaltig arbeiten, gibt es glücklicherweise mittlerweile viele, so dass man sich leicht von der Unterwäsche über das trendige Outfit bis hin zu den Sneakern sozial und ökologisch korrekt einkleiden kann.

Wie würde die ideale Herstellungskette eines T-Shirts aussehen?
Idealzustand der Herstellung eines T-Shirts wäre eine konsequente Umsetzung von ökologischen Kriterien, angefangen bei der Gewinnung des Rohstoffs bis hin zur Auslieferung des fertigen Produktes. Da für T-Shirts meist Baumwolle zum Einsatz kommt, müsste diese aus kontrolliert biologischem Anbau stammen, ohne Einsatz von Pestiziden und genmanipuliertem Saatgut. Bei den Verarbeitungsschritten wie Garn- und Flächenherstellung und das Färben des Shirts dürften keinerlei giftige Chemikalien oder textilen Hilfsmittel verwendet werden. Wichtig ist auch die Beachtung des Ressourcenverbrauchs. Was beispielsweise Energiequellen angeht, hat Erdgas eine bessere CO2-Bilanz als Erdöl oder Kohle. Die während dem Transport entstehenden Emissionen sind wesentlich geringer bei Lieferung per Schiff anstelle vom Flugzeug. Noch besser ist natürlich so lokal wie möglich zu produzieren um die Transportwege schon während einzelnen Herstellungsschritten zu reduzieren.

Wie kann der*die Käufer*in prüfen, ob es sich um ein nachhaltiges Kleidungsstück handelt?

Am besten direkt im Laden nachfragen oder das Label anschreiben und um Infos bitten.
Zertifizierungen wie beispielsweise das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), die
die gesamte Herstellungskette kontrollieren, helfen dabei, das Nachhaltigkeitsbemühen des
Labels messbar zu machen. Auch die Materialauswahl sollte man beachten: Naturfasern aus
kontrolliert biologischem Anbau, Regeneratfasern wie Lyocell und Recyclingmaterialien sind
zu bevorzugen, ebenso wie eine hochwertige Verarbeitung des Kleidungsstücks. Die Angabe
„Made in“ muss nicht zwingend ein Kauf- bzw. Ausschlusskriterium sein.

Ist von Modeketten wie H&M grundsätzlich abzuraten?
Kann ein T-Shirt tatsächlich nur 4,95€ kosten? Ist es möglich bei solch einem Verkaufspreis
gute Arbeitsstandards und faire Löhne in den Fabriken zu gewährleisten? Ich denke, das
Preissegment in dem sich große Modeketten bewegen, ist nicht zeitgemäß und mit steigenden
Lebenshaltungskosten (vor allem in Niedriglohnländern), Transportkosten, wie auch
strengeren Umweltauflagen nicht vereinbar. Trotzdem würde ich den schwedischen Modekonzern H&M nicht per se mit gut oder schlecht betiteln. Das Unternehmen zeigt Engagement in der Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien. Ein gutes Beispiel dafür ist das Rücknahmesystem von Altkleidern, die wieder zu Fasern aufgearbeitet werden. Erst kürzlich hat H&M eine Jeanskollektion präsentiert mit auf diese Weise gewonnenen Recyclingfasern. Diese Produktgruppen sollte man honorieren und unterstützen um das Interesse an solch einer Entwicklung zu zeigen. Wichtig ist das man regelmäßig kritisch das Nachhaltigkeitsbemühen des Unternehmens abfragt und dann für sich entscheidet, ob es mit den eigenen Wertvorstellungen vereinbar ist dort zu kaufen. Und bis es soweit ist, einfach öfter mal nach grüner Mode nachfragen, denn Nachfrage bestimmt ja bekanntlich das Angebot.

Kann sich auch ein Hartz IV Empfänger nachhaltig kleiden?
Natürlich spielt Geld auch immer eine Rolle, besonders dann, wenn man nicht so viel davon
zur Verfügung hat. Trotzdem denke ich, sich nachhaltig zu kleiden hat nicht in erster Linie
etwas mit dem Inhalt des Geldbeutels zu tun, sondern vor allem mit der Kaufeinstellung.
Übermäßiger Konsum (auch wenn dabei nur grüne Produkte gekauft werden) widerspricht
dem Grundgedanken von Nachhaltigkeit. Die Empfehlung, wie sie auch die Modedesignerin
Vivienne Westwood bereits schön formuliert hat „Buy less, choose well” geht ganz klar zu
mehr Qualität und weniger Quantität. Für alle Shoppingliebhaber, die dennoch öfter mal Abwechslung im Kleiderschrank bevorzugen, empfehle ich Einkaufs-Alternativen, angefangen bei klassischen Second-Hand Shops bis hin zu den trendigeren Varianten wie Common Vintage oder die beliebten Online-Marktplätze zum Kaufen und Verkaufen von gebrauchter Mode wie Kleiderkreisel oder Mädchenflohmarkt.

Welche Entwicklungen wünschst Du Dir im Bereich Mode in den nächsten 10 Jahren?

Unsere Gesellschaft durchlebt momentan einen Wertewandel zu mehr Sinnhaftigkeit und
Lebensqualität. In der aktuellen Otto Group Trendstudie zu „Konsumethik“ gaben 46% der
Befragten an, mehr Geld für ethisch korrekte Produkte auszugeben als noch vor 1-2 Jahren.
Für 50% gehören ethische Kriterien zum festen Bestandteil ihrer Kaufüberlegung. Allerdings ist die textile Wertschöpfungskette lang. Neuerungen können oft nicht einfach „mal eben schnell“ umgesetzt werden. Missstände in der Textilbranche wie Umweltverschmutzung und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen gehen uns alle etwas an, auch wenn sie auf der anderen Seite der Erde passieren. Ich hoffe, dass zukünftig jeder seine Einflussmöglichkeiten, die Modeindustrie mitzugestalten, erkennt und sie verantwortungsvoll nutzt. Dass Konsumenten Fragen nach der Herkunft eines Kleidungsstückes stellen, mehr Läden nachhaltig produzierte Mode anbieten und die Labels schon beim Design und der Produktion auf ökologische und soziale Aspekte achten. Für uns als Käufer ist es wichtig zu verstehen, dass wir handlungsmächtig sind. Mit unserer Nachfrage steuern wir das Angebot. Dabei geht es weniger darum, den Boykott zu suchen, denn dieser schadet wahrscheinlich am Ende der Wertschöpfungskette den Falschen, nämlich den Fabrikarbeitern. Aber wir Kunden können uns besser informieren, stärker hinterfragen und anmahnen. Erkennt der Handel erst einmal die kritische Haltung der Konsumenten, wird er über kurz oder lang über neue Konzepte nachdenken müssen.